Michael Werk  
Text- und Bildjournalist  
   

 
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Der Nerz - kleiner Marder mit Seltenheitswert

Wiederansiedelung am Steinhuder Meer ist keine leichte Sache

Von Michael Werk

Der Europäische Nerz ist zurück! Lange Zeit war er in Deutschland ausgestorben, bevor sich der gemeinnützige Verein Euronerz vor zwölf Jahren die Zucht und Wiederransiedelung dieser kleinen Marderart „auf die Fahne“ geschrieben hat. In diesem Jahr sind nun auch erstmalig Nerze am Steinhuder Meer in die Freiheit entlassen worden. Grund genug, sich einmal mit den Hintergründen dieses Projektes zu befassen, an dem die Ökologische Schutzstation Steinhuder Meer und die Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen maßgeblich beteiligt sind.

Vom Aussehen her hat der Europäische Nerz eigentlich alles, was man braucht, um ein echter Sympathieträger der heimischen Tierwelt zu sein: ein weiches, braunes Fell, dunkle Knopfaugen und eine geradezu putzig wirkende schneeweiß gefärbte Ober- und Unterlippe. Selbst ausgewachsene Vertreter dieser ungefähr frettchen-großen Marderart haben in gewisser Weise noch das niedliche Welpenschema, das an sich nur für Jungtiere von Säugetieren typisch ist. Doch all dies konnte den Nerz nicht davor schützen, dass er mittlerweile zu den weltweit gefährdetsten Tierarten zählt.

„Von der Weltnaturschutzorganisation IUCN wird der Europäische Nerz als stark gefährdet eingestuft“, berichtet Thomas Brandt, der wissenschaftliche Leiter der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer e.V. (ÖSSM). „Damit gehört er zu derselben Gefährdungskategorie wie beispielsweise der Schneeleopard.“
Ursächlich für den dramatischen Bestandsrückgang des naturnahe Ufer von Flüssen, Röhrichtbestände, Bruchwälder und Moore bewohnenden Nerzes sind die Vernichtung entsprechender Lebensräume und die einst intensive Verfolgung durch den Menschen. So stellte man dem kleinen „Nahrungsgeneralisten“, auf dessen Speisezettel in erster Linie Mäuse, Frösche, kleine Fische und andere Kleintiere stehen, vor allem wegen seines dichten, weichen Fells mit Fallen nach.

In Deutschland wurde der letzte noch freilebende Nerz 1925 an der niedersächsischen Aller gefangen, von da an galt die Art in Deutschland als ausgestorben, ergänzt Christian Seebass, der stellvertretende Vorsitzende des Vereins Euronerz e.V.. Seit Gründung im Jahr 1998 bemüht sich der in Hilter bei Osnabrück ansässige Verein um die Wiederansiedelung des Europäischen Nerzes. Mit einigen Tieren, die aus großen osteuropäischen Zuchtbeständen stammten, fing man dabei an und baute in Kooperation mit knapp zwei Dutzend deutschen Zoos und Tierparks nach und nach einen stabilen Zuchtbestand auf. Rund 650 Nerze wurden laut Seebass auf diese Weise bereits nachgezüchtet, von denen auch schon einige Tiere an ausgewählten Standorten in Deutschland ausgewildert wurden. Neben zwei bereits im Jahr 2000 beziehungsweise im Jahr 2006 begonnenen Wiederansiedelungsprojekten in der niedersächsischen Weser-Ems-Region und im Saarland ist jetzt das Projekt am Steinhuder Meer gestartet, das vom Niedersächsischen Ministerium für Umwelt und Klimaschutz (28.000 Euro) und der Region Hannover (8.000 Euro) finanziert wird:

„In den nächsten fünf Jahren sollen hier alljährlich ungefähr 20 Nerze ausgewildert werden“, erläutert Brandt. Bevor die kleinen Marder jedoch in die Freiheit dürfen, werden sie in speziellen Eingewöhnungsgehegen über mehrere Wochen auf ihren neuen Lebensraum vorbereitet: „Alle Tiere sind auf eine selbstständige Nahrungsbeschaffung trainiert und somit in der Lage, sich draußen in der Natur zu ernähren“, betont der Diplombiologe.

Die Durchführung des Wiederansiedelungsprojektes selbst erfolge im übrigen nach den strengen Kriterien der Weltnaturschutzorganisation IUCN, wonach beispielsweise die Gründe für das Verschwinden der Art geklärt und abgestellt sein müssen. Dies sei heute der Fall: So stellt das Naturschutzgebiet Steinhuder Meer nach vorhergehender intensiver Prüfung durch Nerz-Experten einen ausreichend großen, geeigneten Lebensraum dar, der nicht zuletzt aufgrund vielfältiger Naturschutzmaßnahmen den Bedürfnissen der Europäischen Nerze entspricht. Beispielsweise wurden weitläufige Ruhezonen geschaffen und zahlreiche Kleingewässer angelegt, in denen sich auch viele Amphibien finden. Außerdem darf der streng geschützte Marder schon seit Langem nicht mehr bejagd werden. Und einen Konkurrenzdruck durch den - auch in Deutschland aus Pelztierfarmen ausgebüxten - anpassungsfähigeren Amerikanischen Mink (dem Nerz sehr ähnliche Marderart, aber nicht mit ihm verwandt) gibt es am Steinhuder Meer bislang zumindest noch nicht.

„Darüber hinaus wird die begonnene Wiederansiedelung wissenschaftlich betreut, um gegebenenfalls Kurskorrekturen in der Methodik vornehmen und somit eine hohe Effektivität gewährleisten zu können“, sagt Brandt. In der Praxis sieht dies so aus, dass die laufenden Feldforschungen der ÖSSM durch ein mehrmonatiges Telemetrieprojekt der Biologin Eva Lüers ergänzt werden, die im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Oldenburg mit Sendern versehene Nerze am Steinhuder Meer mit Hilfe eines Empfangsgerätes plus Richtantenne nachspürt und deren Lebensraumnutzung erforscht. Dabei werden auch Ergebnisse von mehr als einem Dutzend im Naturschutzgebiet aufgestellten „Fotofallen“ ausgewertet, die zufällig vorbeilaufende Tiere mittels einer Digitalkamera plus angeschlossenem Bewegungsmelder automatisch fotografieren.

Die ersten Ergebnisse der angehenden Master-Diplomandin bestätigen laut Brandt, dass sich die sieben bislang ausgesetzten Nerze so verhalten, wie dies auch an anderen Standorten vom Verein Euronerz beobachtet worden sei: Die Rüden, also die männlichen Tiere, wandern innerhalb des Untersuchungsgebietes wesentlich weiter als die Fähen. Und wie zu erwarten, halten sich die besenderten Nerze stets in Gewässernähe auf.

„Langfristig hoffen wir, hier eine stabile Population von rund 50 Tieren ansiedeln zu können“, wagt der wissenschaftliche ÖSSM-Leiter Brandt einen Blick in die Zukunft. Schon jetzt sei es aber ein schöner Gedanke, dass mit dem „Heimkehrer“ Nerz wieder alle acht in Deutschland vorkommenden Marderarten am Steinhuder Meer vorkommen. (Die anderen Vertreter dieser Tierfamilie sind der erst vor Kurzem bestätigte und auf natürlichem Wege zugewanderte Fischotter und die alteingesessenen Arten Steinmarder, Baummarder, Großes Wiesel, Mauswiesel, Iltis und Dachs.)

Außer den jetzt über die Kooperationspartner des Vereins Euronerz bezogenen Nachzuchten sollen am Steinhuder Meer ab dem Jahr 2011 zusätzlich Nerze ausgesetzt werden, die - ebenfalls in Zusammenarbeit mit Euronerz - in der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen e.V. (WASS) gezüchtet werden. Der Bau der dafür benötigten Gehege ist bereits in vollem Gang und deren Einweihung für Ende Juli geplant. Das Geld für die neue Zuchtanlage stammt ebenfalls vom Niedersächsischen Ministerium für Umwelt und Klimaschutz (20.000 Euro), sowie von der Stiftung Artenschutz (8.000 Euro), berichtet der WASS-Leiter Florian Brandes.

Beim Züchten von Europäischen Nerzen gibt es allerdings gleich mehrere Schwierigkeiten, mit denen man zu kämpfen hat: Zum einen können sie nicht wie die Amerikanischen Minke in kleinen Drahtkäfigen gehalten werden, sondern benötigen viel Platz, erläutert der promovierte Tierarzt. Zudem verhalten sich die männlichen Nerze den Weibchen gegenüber oftmals sehr aggressiv. Die Fähe wiederum ist nur einmal im Jahr für wenige Tage empfängnisbereit, was an der Schwellung ihrer Vulva und ihrem Verhalten festzustellen ist. „Man muss also eine genaue Zyklusdiagnostik machen, um herauszufinden, wann man den Rüden kontrolliert für kurze Zeit zu der Fähe setzen kann“, so Brandes. Außerdem sei es erforderlich, anhand des von einem Zoologen in Estland zentral geführten internationalen Zuchtbuches die optimalen Paarungskombinationen zu ermitteln, um Inzucht zu vermeiden. Unter die Haut implantierte Computerchips ermöglichen dabei die sichere Identifizierung eines jeden Tieres.

Bei der Auswilderung der Nerze wird am Steinhuder Meer übrigens dreigleisig vorgegangen, verrät der Diplombiologe Brandt. Sowohl einzelne Jungtiere als auch Paare und tragende Weibchen werden an unterschiedlichen Stellen des Naturschutzgebietes in die Freiheit entlassen. Später soll dann auch zu dieser Vorgehensweise überprüft werden, was den größten Erfolg gebracht hat.