Michael Werk  
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„Das muss man einfach erlebt haben“

Tipps für den ersten Sprung vom Zehn-Meter-Turm

Von Michael Werk

„Einmal im Leben vom Zehner springen“ - viele Besucher des Bückeburger Bergbades haben davon schon mal geträumt. Zu schön ist ja auch der Anblick des sich in das Blau des Himmels streckenden, strahlend weißen Sprungturmes. Zudem lockt die Sehnsucht, einen kurzen Augenblick lang frei wie ein Vogel durch die Luft zu fliegen. Dann aber meldet sich die Angst: Sie macht aus dem Vogel einen hilflosen menschlichen Körper, der der Schwerkraft folgend stur nach unten rast und - zur Belustigung der am Beckenrand stehenden Zuschauer - mit brachialer Gewalt die Wasseroberfläche durchschlägt. Wiederbelebung, Krankenhaus, aus der Traum! Aus der Traum? Von wegen, hier ein paar Tipps, wie selbst die größten Angsthasen zu begeisterten Zehn-Meter-Turm-Springern werden können.

Bekanntermaßen vertreten Psychologen die Auffassung, dass eine übersteigerte Angst mit dem Wissen um die realistischen Risiken in manchen Fällen geringer wird, vielleicht sogar ganz verschwindet. Stellt sich also die Frage, was tatsächlich beim Sprung vom Zehner passieren kann? „Wenn man aus dieser Höhe (mit den Füßen voran) auf eine auf dem Wasser schwimmende Zeitungsseite springt, würde man sich beide Beine brechen“, berichtet Sarah Kattge, Schwimmmeisterin beziehungsweise - korrekt formuliert - Fachangestellte für Bädertechnik beim Bergbad. Na also, die Unklarheiten hinsichtlich der bei einer Reisegeschwindigkeit von bis zu 50 Stundenkilometern auftretenden Kräfte wären schon mal geklärt. Und da üblicherweise keine Zeitungsseiten auf dem Wasser dümpeln, die das die Aufprallenergie mindernde Zerteilen der Fluten behindern könnten, muss man sich wohl auch keine spinnerten Gedanken über Verletzungen machen, oder?

Vorausgesetzt, der Zehn-Meter-Sprung-Eleve taucht tatsächlich mit gespanntem Körper kerzengerade mit den Füßen voran ins Wasser ein und hält die Arme eng an den Körper gepresst, betont Kattge. Sonst kann es durchaus zu blauen Flecken an den Armen bis hin zu Verstauchungen oder Frakturen der Finger oder der Handgelenke kommen. Je nach Neigungswinkel des Athleten beim Eintauchen ins Becken ist auch mit dem Auftreten von Hämatomen zu rechnen - beim Bauch- oder Rückenklatscher mitunter in beeindruckender Größe. Blutungen aus Mund und Nase aufgrund geplatzter Lungenbläschen sind bei Rückenlandungen ebenfalls schon als Preis für das Freiflugerlebnis gezahlt worden. Von über die wenig spektakuläre „Kerze“ hinausgehenden riskanteren Kunststückchen wie etwa einen Kopfsprung oder gar Saltis und Schrauben rät sie dem Ungeübten im Sinne dessen Gesunderhaltung sowieso ab. „Egal wie peinlich das ist: man muss mit einer Kerze anfangen.” Zudem sollte der Kandidat bereits erfolgreiche Sprünge aus drei, fünf und siebeneinhalb Metern Höhe gemeistert haben.

Da die lähmenden Ängste beseitigt sind, steht dem Aufstieg auf den Sprungturm nichts mehr entgegen. Dort angekommen sieht die ganze Sache allerdings schon anders aus. Von der Plattform in zehn Meter Höhe guckt der Delinquent nämlich durch die Wasseroberfläche hindurch auf den 4,5 Meter tiefer gelegenen Beckengrund - macht summa summarum knapp 15 Meter gefühlte Höhe. „Beim ersten Mal sollte man daher nicht direkt ins Wasser schauen“, empfiehlt Thomas Stefener, Trainer der für ihre extremen Turmsprünge bekannten Bückeburger „Splash Diver“ (bei dieser kuriosen Sportart kommt es unter anderem darauf an, möglichst laut und mit viel Wasserbewegung aus zehn Meter Höhe ins Becken zu donnern). Besser sei es, den Beckenrand zu fixieren. Die Entscheidung zu springen, sollte der Zweifler zudem nicht vorne an der Kante der Plattform treffen, sondern bereits rund drei Meter davor - und die Aktion dann auch eisern durchziehen. „Je länger man überlegt, desto Größer ist nämlich die Gefahr, dass man doch nicht springt“, weiß der Wietersheimer. Und zu guter letzt müsse man freilich auch „in der richtigen Stimmung“ sein.

Hat der frühere Schisser den Absprung dann tatsächlich gewagt, sich an die Expertentipps gehalten und ein sauberes Eintauchmanöver hingelegt, wird er mit einem kräftigen „Adrenalinstoß“ und einem „Schuss Selbstsicherheit“ belohnt, verspricht Stefener. Aus seiner Erfahrung wird es dann für viele sogar zu einer regelrechten Sucht, vom Zehner zu springen. Auch dessen „Splash Diver“-Kollegen können ein Lied davon singen:

„Das muss man einfach erlebt haben“, schwärmt etwa der Bückeburger Adrian Kostrzab vom freien Fall ins Bergbad. Wie „Ewigkeiten“ kommen einem dabei die vielleicht eineinhalb bis zwei Sekunden zwischen Absprung und Eintauchen vor. Um den „besonderen Kick“ zu erleben, lässt er es freilich nicht bei einer Kerze bewenden. Ein doppelter Auerbachsalto muss es schon sein.

„Das ist einfach ein geiles Gefühl“, spornt auch der 13-jährige Malte Kruse die noch Unentschlossenen an, sich endlich ihren Traum, vom Zehn-Meter-Turm zu springen, zu erfüllen. „Wenn man ‘ne Kerze macht, braucht man ja gar nichts überlegen, sondern nur ein paar Schritte machen und springen“, sieht es der Mindener locker. Kein Wunder, hat er es doch bereits zum Vorwärtssalto mit zweieinhalbfacher Schraube gebracht.